„Telemedizin und Altersassistenzsysteme“ unter der Lupe

Traum vom selbstbestimmten Leben im Alter verlangt mitbestimmende Technik

Auf dem Bild von links: Jochen Haußmann, Waltraut Bühl (Kreisseniorenrat), Andreas Vogt (TKK); Thomas Heine (Uni Tübingen), Dr. Harald Bareth (Chefarzt Rems-Murr-Kliniken Schorndorf). Bild: Banzhaf

Auf dem Bild von links: Jochen Haußmann, Waltraut Bühl (Kreisseniorenrat), Andreas Vogt (TKK); Thomas Heine (Uni Tübingen), Dr. Harald Bareth (Chefarzt Rems-Murr-Kliniken Schorndorf). Bild: Banzhaf

„Die Telemedizin ist die Zukunft“, da ist sich Heinz Weber, der Vorsitzende des Kreisseniorenrates Rems-Murr ganz sicher. „Telemedizin ist schon überall“, erkannte Jochen Haußmann, Landtagsabgeordneter und FDP-Kreisvorsitzender, als Dr. Harald Bareth, Chefarzt der Radiologie der Rems-Mur-Kliniken in Schorndorf, über die Telekonferenzen zwischen Schorndorf und Winnenden sprach und die aktuellen Möglichkeiten bis hin zu roboterunterstützten Operationen beschrieb. Telemedizin ist nicht alles, da waren sich bei der Veranstaltung „Telemedizin und Altersassistenzsysteme“ des FDP-Kreisverbandes Rems-Murr am 23.10.2015 alle einig. Denn je älter der Mensch wird, desto mehr muss ihn künftig sein Haus unterstützen: Technische Möglichkeiten, sprich Altersassistenzsysteme gibt’s, Beratung eigentlich auch – aber ein Pflegestützpunkt im Landratsamt in Waiblingen für den ganzen Rems-Murr-Kreis ist zu wenig. „Der Raum Backnang/Murrhardt braucht einen eigenen Pflegestützpunkt“, forderten Heinz Weber und seine Stellvertreterin Waltraud Bühl am Ende der Veranstaltung. Jochen Haußmann nahm’s als sozialpolitischer Sprecher und Mitglied der Enquête-Kommission Pflege in Baden-Württemberg als Arbeitsauftrag aus Schorndorf mit: „Das ist auch Thema in der Enquête-Kommission Pflege.“

Patientendaten für den Arzt allzeit frisch auf den Tisch, das mahnende Doktor-„Du Du“ vollautomatisch aufs Handy, wenn die zweite Praline mehr ist als der Blutzuckerspiegel verträgt. Das Bett mit Aufstehautomatik, Ärzterunden per WWW als Kompetenzzentren, Telechirurgie, selbststeuernde Häuser – die Palette der Themen war breit. Die Betrachtungsweise der rund 50 Teilnehmer war durchaus differenziert: „Wie wird der Datenschutz eingehalten?“, war eine der Fragen aus dem Publikum an Chefarzt Dr. Bareth, der die Möglichkeiten der Telemedizin für die Rems-Murr-Kliniken geschildert hatte. Antwort: „Das ist heute besser gewährleistet als früher der Postversand von Kopien oder CD.“

Aber vieles muss sich erst noch entwickeln. 400.000 Gesundheitsapps gibt’s derzeit mindestens, sagte Andreas Vogt, Leiter der Landesvertretung Baden-Württemberg der Technikerkrankenkasse. Apps, die Daten irgendwohin schicken, die aber keiner kontrolliert: „Wir wünschen uns wenigstens eine freiwillige Zertifizierung.“

Dabei kann’s durchaus Sinn machen, sein Handy statt den Arzt oder Apotheker zu fragen, sagt Jochen Haußmann. Im ländlichen Raum beispielsweise, wo die Zahl der Landärzte konstant abnehmen wird und auch andere Maßnahmen wie Gesundheitsnetzwerke nicht alles ausgleichen können werden. Die verbliebenen Ressourcen, sprich das ärztliche Wissen, sinnvoll auf die Menschen zu konzentrieren, die den Arzt wirklich brauchen, wäre die positive Seite elektronischer Ratgeber und Diagnosen. Momentan geht das aber gar nicht. Nicht mal mit Arzt am Telefon: Es gibt ein Ferndiagnoseverbot in der Berufsordnung.

„Politik kann rechtliche Rahmenbedingungen schaffen, aber es braucht eine gesellschaftliche Akzeptanz, auch der Ärztinnen und Ärzte und der Krankenkassen“, beschreibt Jochen Haußmann die Aufgabe, die er für Regierung und Parlament sieht. Das Thema ist dabei durchaus international: Vom Stand der Technik her, beschrieb Dr. Bareth, kann er als Schorndorfer Radiologe heute schon den Kollegen in der Rems-Murr-Klinik Winnenden aber auch jeder anderen Klinik im Land, im Bund und in der Welt mit Rat beistehen. Und dass ein New Yorker Spezialist mit Roboterunterstützung einen Patienten in Paris operieren kann, „haben wir schon vorgeführt bekommen“.

Heute Paris, morgen Schorndorf – die telemedizinische Entwicklung steht aus seiner Sicht mitten in der Entwicklung. Auch was den Alltag angeht. Herzschrittmacher senden heute schon Patientendaten an Praxen, Mediziner tauschen sich virtuell über Symptome aus. Auf Wunsch können bei chronisch Kranken auch Angehörige in das Reporting mit eingebunden werden. Zwei Seiten einer Medaille: Da ist die Vollzeitüberwachung als negativer Aspekt. Die positive Seite ist, dass der Vater so kann, was sich laut Andreas Vogt, 93 Prozent aller Menschen wünschen: „Bis ins hohe Alter im eigenen Haus wohnen.“ Wie das altersgerecht aussehen kann, ist in Tübingen als Forschungs-Prototyp der Uni zu sehen. Thomas Heine hat das Lebensphasenhaus bei der Veranstaltung in Schorndorf vorgestellt. Der Kreisseniorenrat will Fahrten nach Tübingen anbieten. Obwohl auch da gilt: „Noch ist nichts perfekt, wir sind mitten in der Entwicklung.“ Aber „deswegen machen wir diese Veranstaltung, es braucht mehr öffentliche Information über Telemedizin und Altersassistenzsysteme“, fasst Jochen Haußmann zusammen: „Das Ziel ist, bis ins hohe Alter selbstbestimmt leben zu können. Die Frage ist, wie viel Selbstbestimmtheit die eingesetzte Technik aber dann noch zulässt.“