„Hilfe leisten, wo Not ist“

2015 Schöne Weihnachten 3

Von Jochen Haußmann
Dieser Beitrag ist in der Waiblinger Kreiszeitung am 24.12.2015 erschienen.

Jochen Haußmann MdL

Jochen Haußmann MdL

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist eines der wichtigsten christlichen Gebote. Die Besonderheit daran ist, dass das Christentum diesen Nächsten nicht nach Schwarz, Gelb, Grün, Rot, Mann, Frau, Religion, Nationalität oder sonst was unterscheidet. Ein liberales Prinzip: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, sagt das Grundgesetz. „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“, sagt der Philosoph Immanuel Kant. „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu“, sagt der Volksmund.

Und damit sind wir mittendrin in der aktuellen Debatte. Aus dem Nachbarhaus ertönen gellende Schreie. Hören wir weg oder gebietet Nächstenliebe zu helfen? Ist es etwas anderes, wenn das Haus ein paar tausend Kilometer weg ist, ändert das etwas am Grundsatz? Nein. „Nächster“ ist keine räumliche Bezeichnung.

Die deutsche Sprache ist ein feines Werkzeug. Die kleine Silbe „Un“ hilft zu definieren, wem wir Nächstenliebe schenken. Ein Unmensch stiehlt eines Menschen Hab’ und Gut. Ein Unmensch zündet anderen das Dach über dem Kopf an. Unmenschen haben keinen Anspruch auf Nächstenliebe. Unmenschen haben Anspruch auf Bestrafung. Aber selbst wo die Unmenschlichkeit anfängt, endet die Nächstenliebe nicht. Nächstenliebe heißt in diesem Fall, die Opfer vor den Unmenschen zu schützen, Einhalt zu gebieten.

Nächstenliebe heißt Hilfe leisten, wo Not ist. Die Menschen, die als Flüchtlinge zu uns kommen, haben sich auf einen langen Weg gemacht, um der Unmenschlichkeit zu entkommen. Nächstenliebe heißt aber auch, Hilfe auf die zu konzentrieren, die sie wirklich brauchen. „Menschen, die vor Unrecht und Gewalt fliehen, müssen bei uns eine menschenwürdige Zuflucht finden“, lautet ein Beschluss der bundesweiten FDP-Fraktionsvorsitzendenkonferenz.

„Menschenwürdig“ ist das Schlüsselwort. Menschenwürdige Behandlung heißt zu wissen, woran man ist. Heißt klare Strukturen, klare Abläufe, klare Entscheidungen. Wer, wenn nicht deutsches Organisationstalent kann eine solche Aufgabe stemmen? Aber tun wir’s? Oder verheddern wir uns zusammen mit den Flüchtlingen zuweilen in den Fallstricken einer untauglichen Bürokratie? Dass die FDP verlangt, dass ein Asylverfahren allerhöchstens binnen drei Monaten entschieden sein muss, hat durchaus etwas mit Nächstenliebe zu tun: Denn wer von uns würde als Flüchtling in gleicher Lage die Ungewissheit gerne länger ertragen? Dass in dieser Zeit für Deutschkurse, Fortbildung und geregelten Tagesablauf gesorgt sein muss, müsste eine Selbstverständlichkeit sein.

Ist es aber nicht. Genau an den geregelten Abläufen mangelt es. Das kritisieren die Kommunen, in denen die Hilfe praktisch umgesetzt wird. Und sie haben recht damit. Wer hilft, dem muss auch geholfen werden. Finanziell, mit passenden rechtlichen Regelungen, mit Freiraum für eigene Initiativen.

Viel zu lange wurde die Dimension unterschätzt, dem Land fehlt ein Konzept. Die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt ist eine Schwachstelle, weil es ohne Erfassung der beruflichen Qualifikationen in den Erstaufnahmestellen nicht geht. Die Wirtschaft will sich engagieren, die Flüchtlinge wollen arbeiten (und wer’s nicht will, würde schnell auffallen), aber das Land bekommt die Organisation nicht in den Griff. Hier ist die einzige, aber auch die gefährlichste Grenze, an die Nächstenliebe stoßen kann.

Aber alle, die sich engagieren, die die helfende Hand ausstrecken, die Nächstenliebe zeigen, müssen durch Erfolg belohnt werden, denn ihre Arbeit verdient höchstes Lob.

Jochen Haußmann