Prof. Seiter: Digitalisierung verändert die Welt grundlegend

„Nichts ist konstanter als der Wandel.“ Unter dieses Motto des Philosophen, Mediziners und Freidenkers Ernst Häckel (1834-1919) könnte man den Vortrag stellen, den Stephan Seiter, Professor für Volkswirtschaftslehre an der ESB Business School in Reutlingen, zum Thema Industrie 4.0 bei einer Veranstaltung der FDP-Ortsverbände Schorndorf, Weinstadt und Remshalden im Grunbacher Restaurant Hirsch gehalten hat.

Die Digitalisierung, so Seiter, verändere die Art und Weise, wie Menschen kommunizieren und arbeiten. Künstliche Intelligenz sowie das Internet der Dinge seien bereits Realität und das autonome Fahren rücke immer näher. Die Digitalisierung werde gesellschaftliche Fragen aufwerfen, die politisch diskutiert werden sollten. Der Hochschullehrer machte am Beispiel der Industrie 4.0, deutlich, wie sich die Arbeitswelt derzeit wandelt.

Nach der Erfindung der Dampfmaschine, der Elektrifizierung und Mechanisierung sowie der Automatisierung sei die Digitalisierung der vierte große Megatrend in der neueren Wirtschaftsgeschichte, der die Ökonomie verändere. Der Begriff Industrie 4.0 stehe für die vierte industrielle Revolution und beschreibe das Vorhaben von Unternehmen, alle Prozesse zu digitalisieren, die in einer Volkswirtschaft für die Entwicklung, Produktion und Vermarktung von Gütern und Dienstleistungen notwendig seien.

Dies biete große Potenziale zur Steigerung der Produktivität von Arbeit und Kapital. Eine konsequente Vernetzung aller betrieblichen Prozesse könne die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen verbessern und damit den Wohlstand einer Gesellschaft sichern helfen. Aber: „Die Digitalisierung ersetzt nicht nur physische Arbeit, sondern auch geistige Arbeit. Das heißt, dass auch höher qualifizierte Arbeitskräfte betroffen sein werden“, erklärte Seiter.

Die Digitalisierung sei ein disruptiver Prozess, der Unternehmen nur wenig Zeit zur Anpassung lasse. Sie betreffe letztlich alle Arbeits- und Lebensbereiche. Nicht nur das verarbeitende Gewerbe, auch Branchen wie Banken, Versicherungen, Verlage und Medizin seien betroffen. „Vielleicht wird es in einigen Jahren keine Banken und Versicherungen mehr geben, wie wir sie heute kennen“, so Seiter. Die Beispiele Uber und Google zeigten, dass etablierte Unternehmen neue Geschäftsmodelle entwickeln müssten. Die Globalisierung werde die Digitalisierung beschleunigen. „Wir leben in Deutschland nicht mehr auf der Insel der Glückseligen, sondern in einem globalen Dorf, in dem alle Informationen schnell verfügbar sind“, erklärte Seiter.

Die Digitalisierung werde viele Arbeitsplätze kosten und zur Flexibilisierung der Arbeitswelt führen, prognostizierte Seiter. Auf der anderen Seite würden neue, höher qualifizierte Arbeitsplätze in neuen Berufen entstehen. Die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit werde voranschreiten. Eine weitere Gefahr sei die Entstehung global marktbeherrschender Unternehmen mit einer potenziellen Einschränkung des Wettbewerbs, der Meinungsvielfalt und des Datenschutzes.

„Wir brauchen einen gesellschaftlichen Diskurs, um die ethischen Fragen der Digitalisierung zu entscheiden“, forderte Seiter. „Wenn die Bedeutung der Arbeit in der Produktion sinkt, sollten wir darüber diskutieren, wie wir die Arbeit verteilen, woher unsere Einkommen kommen und wie wir als Gesellschaft mit dem Thema mutmaßlich wachsender Ungleichheit umgehen.“

Bildungspolitik sei der Schlüssel zum Erfolg. Seiter empfiehlt, über die Bildungspolitik alle Altersklassen zu befähigen, mit neuen Technologien umzugehen und die Offenheit für Wandel zu fördern. „Wandel ist nichts Schlechtes. Rückwärtsgewandte Strategien wie sie US-Präsident Donald Trump verfolgt, werden letztlich keinen Erfolg haben. Wir sollten im Gegenteil den Wandel proaktiv angehen und nicht an alten Strukturen festhalten.“